Ein Indiz für die Leistungsdichte ist, daß ein Großmeister vom Schlage eines Jörg Hickl nur den 6. Rang belegte. Der Neu-Berliner - immerhin deutscher Nationalspieler und seit Jahren einer der besten Blitz- und Schnellschacher des Landes - befand sich aber in bester Gesellschaft: Ebenfalls in einem "Sechser-Pack" von Spielern mit 5,5 Punkten auf den Rängen 4 bis 9: Viktor Gavrikov, ein "Riese" unter den Schnellschachern und der heimliche Turnierfavorit, Anfang der 90er Jahre einmal ein Jahr lang ohne Niederlage und inzwischen nach der Einbürgerung Schweizer Nationalspieler, verpaßte den Sprung aufs Treppchen denkbar knapp.
Die eigentliche Sensation aus Mainzer Sicht spielte sich allerdings auf den Plätzen 14 und 15 ab. Die Jugendlichen Daniel Kiefer und Elmar Karst, Finther "Eigengwächse" und seit dieser Saison für die Schachfreunde Mainz am Start, erspielten sich im Kielwasser der internationalen Topspieler das beste Ergebnis ihrer noch jungen Karriere. Schott-Spitzenspieler Tillmann Vogler, der den 16jährigen Daniel Kiefer trainiert, fühlte sich durch das Ergebnis in seiner Einschätzung bestätigt. "Ich sage schon seit einer ganzen Weile, Kiefer ist das größte Talent im Mainzer Schach", blickte Vogler gerne darüber hinweg, daß er als "Lehrer" auf Platz 20 noch hinter seinem Musterschüler einging.
Untröstlich war dagegen Voglers Tabellennachbar Lev Gutmann. An dem Großmeister aus Wetzlar zeigte sich die ganze "Grausamkeit" des Schweitzer-Wertungssystems, das nach jeder Runde die Besten gegeneinander spielen läßt. Gutmann erwischte von Anfang an eine ganz große Hausnummer nach der anderen und erzielte den zweithöchsten Wertungsschnitt aller Spieler. Zwei Runden vor Schluß noch Platz eins im Visier, verlor er "nur" die letzten und entscheidenden Partien. Ein tiefer Sturz aus den Preisgeldrängen war die Folge.
Daß Gutmann nicht allzu viel Mitleid zuteil wurde, lag vielleicht mit daran, daß der häufig vereinswechselnde Schach-Großmeister einen Ruf als "Wanderpokal" hat und kein klassischer Sympathieträger ist. Ein anderer Grund war aber mit Sicherheit, daß dem Sieger sehr viele den Triumph gönnten. Für viele gilt Valentin Arbakov schließlich als eine der tragischsten Figuren des internationalen Schach-Bussineß.
Der trinkfreudige Lebemann aus Rußland könnte nach Meinung vieler Experten zu den allergrößten zählen, hätte er sich nicht vor langer Zeit ausgerechnet mit dem damals allgewaltigen Anatoli Kaprov hoffnungslos überworfen. Ein jahrelanger Ausreisestopp für den nicht systemkonformen Arbakov war die Folge. Die 700 Mark Preisgeld in Mainz sahen viele Beobachter als gerechtes Trostpflaster für entgangene höhere Weihen.